Ein wenig Geschichte

Eifelsöhne - hartes Holz

Ein wenig Geschichte

Wie sehr unsere Vorfahren hier auf den rauen und luftigen Höhenzügen, auf denen sich der 670-Seelen-Ort Mürringen ausbreitet, dem Gesang gefrönt haben, wissen wir nicht. Dass sie sich allerdings gerade gelegentlich der Dorf- und Familienfeste, die immer auch ein wenig Kirchfeste waren, trafen und sangen, steht außer Frage. Die Kirche blieb dabei stets im Dorf, wie der Besucher feststellen wird. Und vor allem in ihr wurde gesungen. So weiß die Chronik von einem Lehrer Johann Rupp zu berichten, der die Mürringer Schuljugend zwischen 1827 und 1849 unterrichtete. Nebenberuflich war er lange Zeit Küster und 50 Jahre lang Vorsänger des Chorals gewesen. Der Sage nach heißt es, dass er die Psalmen auswendig, sogar mit geschlossenen Augen sang.[1]

Die Quellen und das Gedächtnis der Bevölkerung schweigen sich dann aber aus über weitere Sangesbegabte. Dieses Thema tauchte erst wieder 1864 auf, als Lehrer Sebastian Prim schweren Herzens um seine Versetzung bat. Für den Musikkenner und Pfarrer Fasbender (1862-1872) kam dieser Schritt gerade recht, denn er erklärte unmissverständlich: "Der Lehrer Prim besitzt nämlich keine musikalischen Fähigkeiten und Anlagen, so daß er nicht einmal dem Gesangunterrichte in der Schule vorstehen kann. Da nun der hiesige Küster schon alt und abständig wird, so steht in Zukunft die Verbindung der Küsterstelle mit der Lehrerstelle in Aussicht." Der Pfarrer zeterte, weil er "des so wünschenswerthen Gesanges der Kinder vollständig entbehre." Aus dieser Not heraus habe er sich "schon dazu entschlossen, sowohl den Gesang-Unterricht in der Schule selber zu ertheilen, als auch (...) einen Sängerchor für die Kirche zu bilden, um doch wenigstens einen erträglichen Gesang beim Gottesdienst zu haben."[2]

Das trifft den Kern der Sache und erhellt einiges: Gesang hatte es wohl gegeben, doch im musikalischen Ohr eines Fachmannes mag er nur Mittelmaß gewesen sein. Vielleicht ein wenig vergleichbar mit der Landschaft und dem Klima, eben nur erträglich.

Was im Pfarrhauptort Mürringen offenbar nicht gelang, schaffte der Lehrer Johann Greimers. Er gründete im Jahre 1865 den Männergesangverein St. Cäcilia im Nachbarort Hünningen. Aus der Anfangszeit wussten Zeitzeugen zu berichten, dass daheim beim Chorleiter in einer kleinen Kammer geprobt wurde. Es mangelte wohl damals schon an Tenorstimmen, denn Greimers' Frau musste mit einspringen. Als sich im Jahre 1868 Sänger aus Mürringen hinzugesellten, verlegte man die Proben ins Josthaus.[3] Das war den Mürringern näher und der Ausschank in der dortigen Wirtsstube mag die Gruppe wohl noch heftiger zum Singen beflügelt haben. Ob sie sich auch als Sangesbrüder verstanden?

Der Pastor wähnte sich endlich am Ziel und der Kirchenvorstand veranlasst, das wahrnehmbare Pflänzchen Chorgesang zu fördern. So sah das Kirchenbudget des Jahres 1867 erstmals - und fortan noch weitere sieben Jahre[4] - vier Taler für "Chorbedürfnisse" vor, die in Gesangbücher und Notenpapier zu investieren waren.

Zwischen 1875 und 1885 entbehrte die Pfarre eines Pfarrverwalters. Als Pfarrer Heinrich Jansen (1885-95) die Geschicke in Mürringen und Hünningen in die Hände nahm, hatte sich in ihrem vermeintlichen Kirchenchor vieles geändert. Johann Mathias Rupp hatte den Hünninger Lehrer beerbt.

Er war der Sohn des vorgenannten Johann Rupp und dessen Frau Sibilla Stoffels. Als angehender Lehrer war er von Fasbender bereits ins Auge gefasst worden, als Prim noch im Dorfe war. Dies wohl in der Intention, ihn dann auch mit der Leitung eines Sängerchores zu betrauen.

Mit J. M. Rupp hatte im Jahre 1882 die eigenständige Vereinstätigkeit eines Mürringer Gesangvereins begonnen. Bereits im Jahre 1889 trat Rupps Schwiegersohn in Erscheinung: Lehrer Hubert Carduck. Gleich ihm sollten dem Chor noch rund drei Jahrzehnte ausschließlich Lehrer vorstehen.

Das Ende des Ersten Weltkriegs führte für unsere Vorfahren zum Vaterlandswechsel, der gleichfalls einer Zäsur in kultureller Hinsicht gleichkam. Denn in der Schule ging es fortan um Belgien, seine Naturschönheiten und natürlichen Reichtümer. Als "nicht zu unterschätzendes Mittel zur Pflege des Patriotismus" galt nun nicht nur dem Unterricht der französischen Sprache ein "wärmstes Interesse", auch "im belgischen Lied", der "Brabançonne", erkannten die neuen Lehrer ein "Bindemittel" zwischen den Kindern und "dem für sie neuen Vaterlande".[5]

Es mag gedauert haben, ehe sich auch der Gesangverein an das Neue gewohnt hatte. Vor allem hatte er erst einmal andere Sorgen, denn mit den ehemaligen deutschen Lehrerdirigenten waren auch Vereinskameraden fortgeblieben. Einer von ihnen mag der Mürringer Küster Joseph Rupp gewesen sein, der seit April 1917 vermisst wurde, nachdem Kameraden ihn schwer verwundet in der Gefechtslinie liegen lassen mussten.

Erst im Februar 1919 bezeichnete der Kirchenvorstand einen Nachfolger für den verschollenen Rupp: den 42-jährigen Schullehrersohn Eduard Wirtz, der bereits in Honsfeld den Küsterdienst versehen hatte. Wirtz hatte im Jahre 1912 in die Mürringer Familie Schmitz eingeheiratet und bewohnte mit den Seinen das Haus Pitternelle. Seine Auftragsbeschreibung umfasste die Kirchenreinigung und -wäsche, die Bedienung des Ofens in der Sakristei und das Aufbewahren des Brennholzes, sowie das Angelusläuten.[6] Obschon die Kirchenverwaltung in ihrem Beratungsprotokoll keinerlei Hinweis auf einen möglichen Chorleitungsauftrag hinterließ, sollte Wirtz fortan ebenfalls die Geschicke des Männergesangvereins in die Hände nehmen.

Die nun folgende Epoche der Vereinsgeschichte wurde maßgeblich von Eduard Wirtz geprägt, den sein Sohn Peter in der Chorleitung ab 1945 beerbte. In einer späteren Publikation sollte dieser Zeitabschnitt als die "Ära Wirtz" bezeichnet werden. Wohl mit Recht, denn in diesen Zeiten des Vaterlandswechsels mag nicht allein ihr musikalisches Talent die Sänger begeistert haben. Zeitzeugen erinnern sich nicht, dass die gesangliche Aufbauarbeit in der Nachkriegszeit durch politische Debatten beeinträchtigt wurde. Im Gegenteil: die Wirtz verstanden es, selbst einst politische Andersdenker in einem wiedererstandenen Verein gemeinsam singen zu lassen.

Die Freude am Gesang steckte an, aktive und inaktive Mitglieder bauten den Verein wieder auf. Als Höhepunkte des Vereinslebens müssen neben den vielen kirchlichen und weltlichen Auftritten die Fahnenweihe (1950), die 75-jährige, 100-jährige und 125-jährige Gründungsfeier (1957, 1982 bzw. 2007) erwähnt werden. Doch darüber hinaus war der Verein stets mit von der Partie, wenn das kulturelle Leben des Dorfes seinen Einsatz einforderte. Erinnert sei hier an unvergessliche Jubiläen, Zeltfeste, Einweihungen, Familienabende, Stiftungs- und Antoniusfeste.

Einen beispielhaften Eifer sollten die Vereinsvorständler jedoch noch in anderen Bereichen an den Tag legen. Waren sie die Ersten gewesen, die dem Mürringer Theater schon im Winter 1946-47 mit dem Schauspiel Alexa und dem Lustspiel Der selige Florian wieder auf die Beine halfen, so zeigten sie sich bald ebenso organisationsfreudig in punkto Preiskegeln (ab 1948) und Skatturnier (ab 1971).

Für das vereinsspezifische Engagement stellten die Dekanatstreffen (1960er) und Sängertreffen (ab 1970) eine besondere musikalische Herausforderung dar; im Jahr 1971 wurden die Werke Eiflia und Der Schäfer auf Schallplatte gepresst, in den Jahren 1975, 1979 und 1990 beteiligten sich die Sänger an den von Födekam organisierten Einstufungswettbewerben.

Die mit den ersten Gesangproben im Wirtshaus Jost im Jahre 1945 eingeleitete Renaissance des Mürringer Männerchores wurde besonders in den 1980er Jahren immer häufiger kritisch hinterfragt. Spannungen entstanden zwischen bodenständigen und fortschrittsmunteren Einstellungen. Sie führten den Chor in eine delikate Krisenzeit, in der es weniger um einen Generationenkonflikt oder das Repertoire als vielmehr um eine vermeintliche Qualitätsdebatte ging, aus der der Verein nicht nur gestärkt, sondern auch gehörig belehrt hervorgehen konnte.

Dennoch feierte der Männerchor im Jahre 2007 sein 125-jähriges Bestehen in einem Moment, in dem er den Anforderungen der Zeit erneut gewappnet entgegentreten musste. Einerseits fühlen Menschen aller Altersklassen sich auch heute von musikalischer Unterhaltung nicht nur angezogen, sondern singen selber mit Freude. Andererseits steht einem Sängerchor in der bereits angebrochenen Epoche mit priesterlosen Gottesdiensten ein neues, ungewohntes Betätigungsfeld bevor.

So leben alle, Sänger wie Vereinsleitung, heute mit der - zugegebenermaßen nicht unproblematischen - Herausforderung, die gesanglich kulturelle Arbeit erneut wertzuschätzen und gleichzeitig den Boden zu bereiten, auf dem sie sich produzieren können. Sollte dies auch mit jungen Sängern gelingen, dürfte dem Dorf die Tradition anspruchsvollen Chorgesangs noch weitere Jahrzehnte erhalten bleiben.


[1] Notiz von Alois Rupp aus Rheine, 30.08.2001

[2] HStAD, 10047; Schreiben Fasbenders vom 23.10.1864

[3] Aus der Chronik der Familie Johann Greimers-Solheid, 1875

[4] BDA, GvO Mürringen, 2, I, Nr. 13246.

[5] Archiv der Schulinspektion Eupen, Bericht der Schulkonferenz in Born vom 31.10.1921

[6] BDA, GvO Mürringen, 6, I, 1843-1920, Nr. 13427